Ein Dorf bezieht Stellung gegen Neonazis
Die Zeichen erkennen und friedlich entgegenwirken
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Köln-Esch/Auweiler
Dass Rechtsextremismus auch im Kölner Norden ein ernst zu nehmendes Problem ist, zeigt die Info-Veranstaltung in der Escher Grundschule. Klaus Wefelmeier,  Vorsitzender der Dorfgemeinschaft Esch, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, unter denen sich Bürger verschiedenster Stadtteile bis nach Nippes und deren politische Vertreter befanden. Der Veranstaltung vorausgegangen waren Graffitis mit NS-Parolen an Wänden, Propaganda-Aufkleber an Laternen und nicht zuletzt Gewalttaten gegen Jugendliche in Esch. Ausschlaggebend für die Veranstaltung war jedoch die Bitte einer Familie, die sich durch Neonazis massiv bedrängt fühlte und die örtlichen Vereine von Esch und Auweiler eindringlich um Hilfe bat.  Bei einem ersten Treffen mussten die  Vereine dann feststellen, dass bereits eine heimliche „Unterwanderung durch Neonazis“ in den eigenen Reihen begonnen hatte.

Klaus Schiefer, stellvertretender Löschgruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr Esch/Auweiler und Vorsitzender der Maigesellschaft Auweiler führte hierzu aus, dass es im Vorfeld Gerüchte über zwei rechtsradikale Feuerwehrmänner gab, die sich dem Gedankengut der Neonazis angeschlossen haben sollten.  Man sei darüber geschockt gewesen und konnte es zunächst nicht glauben, dass „diese guten Feuerwehrmänner“ solch einer Gesinnung angehören würden. Da die beiden in der Löschgruppe einen hervorragenden Ruf als Feuerwehrmänner genossen, wurde zunächst ein aufklärendes Gespräch gesucht. Einer von ihnen verließ schließlich zum Jahreswechsel freiwillig die Feuerwehr, der zweite erhielt im Mai die Kündigung, nachdem er auf die Vorwürfe in keinster Weise reagiert habe.
Dieser Vorfall  zeigt einmal mehr, mit welch erschreckender  Taktik die „rechtsradikale Szene“ vorgeht, um sich mit Hilfe der Maske eines redlichen Bürgers in der „breiten Masse des Volkes“  etablieren zu können.

Der  Vorwurf einer Escher Mieterin, dass sich in der Nachbarwohnung mehrmals wöchentlich bis zu 40 Neonazis treffen würden, beunruhigte die Besucher der Veranstaltung. Jedoch könne dem Vermieter daraus kein Vorwurf gemacht werden, da diesem vermutlich keine rechtliche Handhabe zur Verfügung stehe, die eine Wohnungskündigung rechtfertige. „Keine Räume für Nazis!“ sollte aber nicht nur ein  Spruch sein. Ein vorbeugend formulierter Mietvertrag bietet die Möglichkeit bereits im Vorfeld, unerwünschte Versammlungen in einer Wohnung zu verbieten bzw. keinen Raum zu geben. Im Nachhinein wird so etwas schwierig.
Im Übrigen kommen Rechtsradikale  aus allen möglichen Volksschichten. Längst nicht mehr wenden sich dem Rechtsextremismus nur Bildungsferne zu, sondern ebenso gebildete Menschen. Letztere sind gleichwohl als gefährlich einzustufen, da sie sich mit den deutschen Gesetzen bestens auskennen und diese geschickt für ihre Zwecke einzusetzen wissen. 

Einen ausführlichen Überblick über die heutigen Methoden der im Raum Esch/Auweiler agierenden NEONAZIS gaben Hans-Peter Killguss und Hendrik Puls,  Mitarbeiter der Mobilen Info- und Bildungsstelle (ibs) gegen Rechtsextremismus vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Von ihnen konnte man erfahren, dass dieser Gruppierung vermutlich 15 – 20 junge Männer im Alter von Anfang bis Mitte 20 angeschlossen


Klaus Wefelmeier (Dorfgemeinschaft Esch/Auweiler)


von links: Theo Fries (Escher Pänz), Hans-Peter Killguss & Hendrik Puls (ibs), Klaus Schiefer (Maigesellschaft Auweiler), Hubert Reiss (FC Kess), Michael Birkholz (SV Auweiler Esch), Christiane Fries (Escher Pänz) & Angela Riesenbeck (SV Auweiler Esch)

sind, dass diese vor allem unter dem Namen „Autonome Nationalisten Pulheim (ANP“) auftreten und darüber hinaus gute Kontakte in das neonazistische Netzwerk in NRW verfügen. Die Frage welche Aktivitäten von dieser Gruppierung ausgehen, wurde z. T. durch eine Powerpoint Präsentation beantwortet. So zeigte ein in Esch aufgenommenes Foto  neonazistische Schmierereien mit dem Text „Dresden 45 – Massenmord“, das in den Bereich „geschichtsverfälschende Graffitis“ einzusortieren ist,  aber auch Aufkleber mit der Aussage „Nationale und Sozialistische Revolution – Jetzt“  oder auch Texte, die den Wortlaut KAMERADSCHAFT beinhalten sind eindeutige Hinweise auf Rechtsradikale. Erst Anfang Mai hat das Innenministerium gegen eine Gruppe dieses Netzwerks, die unter verschiedenen Label/Namen agierte, Maßnahmen ergriffen: So wurden die Label „Kameradschaft Walther Spangenberg“, „Freie Kräfte Köln“, „Freies Netz Köln“ (Internetseite) und „Kameradschaft Köln“, welche die Gruppe um ihren Anführer Axel Reitz aus Pulheim, verwendet hat, verboten bzw. stillgelegt, was zahlreiche Hausdurchsuchungen zur Folge hatte.
Als neue Formierung tritt nun die „Aktionsgruppe Rheinland“ mit etwa 80 Personen aus dem gesamten Rheinland auf. Diese Gruppierungen sind nicht  als Verein eingetragen und schwweriger rechtlich greifbar. Ihre Ziele sind jedoch die gleichen. Die Unterwanderung aller Bürgerschichten mit rechtsradikalem Gedankengut. Die Tatsache, dass die Escher Seniorenvertretung sich bereits „unterwandert fühlt“ zeigt, dass sich sowohl „Jung als auch Alt“ von braunen Zielen angesprochen fühlen.
Erschreckend hierzu auch eine Statistik des Innenministeriums, die die zunehmende Gewaltbereitschaft junger Rechtsradikaler belegt. Allein im Jahr 2011 gab es 190 Gewalttaten, 293 Sachbeschädigungen und 3015 rechtsextreme Straftaten in NRW, die tatsächliche Zahl soll weitaus höher liegen.

Ursachensuche:
Wegen fehlender Gelder werden Jugendzentren (Beispiel Krebelshof in Worringen), Schwimmbäder und viele andere Freizeitgestaltungsmöglichkeiten geschlossen. Auch in Esch/Auweiler gibt es kein Jugendzentrum. Wichtiger scheint der Stadt der Bau eines Einkaufszentrums nahe des Sees inmitten einer Wiese zu sein, das längst nicht allen Bürgern gefällt, die sich ländliches Wohnen anders vorgestellen haben. Dem Problem der fehlenden großflächigen Jugendplätze will sich die Stadt scheinbar nur halbherzig annehmen – mobile Trucks sollen es richten (s. Bericht WorringenPur über den Krebelshof). Und das Resultat? Die Jugend weiß nicht mehr wo sie ihre Freizeit, wenn nicht am PC, verbringen soll. UND: die Jugend braucht Platz und Anerkennung. Ein  Zusammenhang zwischen fehlenden Jugendzentren und dem Zulauf für rechtsextreme Gruppierungen besteht zwar nicht zwangsweise, kann aber vermutet werden. Gemeinsame Freizeitgestaltung, wie unsere Generation sie noch kennt, findet heute (mit Ausnahmen von Vereinen) kaum mehr statt und damit fehlt auch das Gemeinschaftsgefühl .
In “rechtsextremen Kreisen” kümmert man sich hingegen sehr stark um die Jugend.  Dazu gehören  “Erlebniswelten“ wie die gemeinsamen Aufmärsche, Wochenendausflüge, Feiern, Liedermacher-Abende mit gemütlichen Grillfeuer, eben all das, was das Gemeinschaftsgefühl stärkt und dem einzelnen die fehlende Anerkennung bietet. 
Bezirksbürgermeisterin Wittsack-Junge bemängelt  ebenfalls die geringe Anzahl von Jugendeinrichtungen. „Es gibt lediglich 2 – 3 Streetworker, die für den gesamten Bezirk Chorweiler und Köln-Nippes zuständig sind. Zudem haben die älteren Jugendlichen keinen Ort wo sie sich unter sich treffen können“. Eltern und Lehrer müssten mehr darauf achten, was gesprochen wird, um die ersten Zeichen rechtsradikaler Denkweise zu erkennen. Was der Opa vorlebt, leben Sohn und Enkel nach.  Der Gedanke, den Rechtsradikalismus rechtzeitig im Dorf zu stoppen, muss in den Alltag aufgenommen  und darüber hinaus multipliziert werden.

Das Versteckspiel – das Problem:
Nicht jeder Rassist, Neonazi oder Antisemit ist so leicht wie früher als solcher an seiner Kleidung zu erkennen. Hinweise zu rechtsradikalen Anhängern finden sich in allen Bereichen des Lebens, so die Aussage der ibs-Mitarbeiter. Symbole und Codes sind jedoch leicht erkennbar, wenn man sie kennt! Eine entsprechende Broschüre bietet die Agentur für soziale Perspektiven aus Berlin an. Die Broschüre wird ständig aktualisiert und zeigt alle bisher bekannten Symbole der rechtsradikalen Szene oder ähnlicher Gruppierungen in Farbe. Bestellbar für 4,50 Euro unter mail@aspberlin.de oder Tel.: 030-61076462

Lösungsansätze:
„Dort, wo sich die Neonazis nicht offen zeigen, werden sie in Köln-Esch und Auweiler trotzdem zum Problem. Sie möchten  Jugendliche für ihre Szene  gewinnen und suchen deshalb Betätigungsmöglichkeiten in unseren lokalen Vereinen“, weiß Klaus Wefelmeier von der Dorfgemeinschaft Esch zu berichten. Die Vereine wollen nicht länger tatenlos zusehen und vor allem nicht mehr wegzuschauen.
Die Evangelische und Katholische Gemeinde praktizieren dieses gemeinsame Ziel bereits. Sie bieten für Herbst 2012 ein weiteres Treffen zu diesem Thema an. In Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum/ibs soll ein Infoabend über „Rechte Musik“ stattfinden. Die Musikszene ist ein beliebtes Mittel zum Zweck, um an die Jugend heranzukommen. Außerdem bietet die evangelische Pfarrerin einen „Anti-Neonarzistischen Kurs“ im Rahmen eines Sommercamps auf Sardinien an. Wir müssen aktiv etwas gegen diese negativen Einflüsse tun. Dazu gehört auch die Beobachtung unserer Seen, die Treffpunkte für die Jugend sind, führt die Gemeindeleiterin aus.
Weitere praktische Möglichkeiten Treffen rechtsradikaler Gruppierungen friedlich entgegen zu treten, bietet das „Bündnis Köln-Nord gegen Rechts“ an. Das Bündnis hat sich seit dem Jahr 2010 auf rechtsextreme Umtriebe im Kölner Norden konzentriert und sich den Aufbau eines Nachbarschafts-Netzwerkes zum Ziel gesetzt. Nähere Infos erhalten Sie über:  Koeln-nord-gegen-rechts@web.de

Ein erster Schritt zur Bekämpfung Neonazistischer Gruppen ist das Erkennen seiner Protagonisten und deren Strategien. Dazu gehören neben der Musik , deren Texte großen Einfluss auf Jugendliche nehmen können, auch moderne, peppige Flyer. Sie haben zwar einen neuen Style, doch den gleichen alten Inhalt wie im Dritten Reich. Ein typisches Beispiel ist ein Flyer, der einen „Kraken“ zeigt, der die Welt im Griff hat; er symbolisierte damals wie heute den Kapitalismus. Einziger Unterschied: Über dem Kraken aus den 1930er Jahren steht der Judenstern, im neuen Flyer ist der US-Dollar zu sehen. 

Zum Kampf gegen Rechtsradikalismus gehört das Erkennen solcher Hinweise und die sofortige Entfernung entsprechender Graffiti-Sprühereien von Wänden, eine gute Vernetzung innerhalb einer Bürgergruppe wie das „Bündnis Köln-Nord gegen Rechts“ und der eigene Mut sich der schleichenden Unterwanderung rechtsradikaler Gruppen mit wachsamen Augen zu stellen und dieser gemeinsam und friedlich entgegenzuwirken. Nur so kann dem Rechtsradikalismus kein Nährboden gegeben und eingedämmt werden. Das sollte schon im Elternhaus, im Kindergarten und nicht zuletzt in den Schulen früh praktiziert werden.


Weiterführende Infos über Rechtsradikalismus erhalten Sie über
Hans-Peter Killguss, Leiter der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus, NS-Dokumentationszentrum Stadt Köln
Tel.: 0221-221-27963 oder unter www.nsdok.de/ibs

WorringenPur.de/25.06.2012
Bericht und Fotos: Heike Matschkowski
mit freundlicher Unterstützung der ibs